Achtsame Berührungen nach Tief berührt
Ein spiritueller Reisebericht über ehrenamtliche Arbeit mit Straßenkindern in Nicaragua
von Oliver Unger
6. Woche
Ich versuchte parallel mit den Jugendlichen in einer Gruppe Körperübungen durchzuführen, damit sie sich darin üben, die natürlichen Reaktionen des Körpers zuzulassen, wie Gähnen, Niesen, Spontanbewegungen, Zittern etc. Doch die meisten weigerten sich, weil diese Übungen dem widersprachen, was die Betreuer ihnen mühsam anerzogen hatten: sich zu benehmen, grade zu sitzen, Haltung bewahren, still sein etc.
Die traumatische Ladung bei den Jugendlichen war außerdem so hoch, dass ich nach jedem therapeutischen Kontakt selbst starke Erdung brauchte. Ich dachte immer „Was für ein Wunder, dass diese Jugendlichen schon so lange Zeit mit diesem extremen Pegel an innerer Ladung (über-)leben konnten.“
Ihre Geschichten bestätigten mir meine Empfindungen: Viele sind in unsicheren Verhältnissen aufgewachsen, haben Geschwister und Elternteile verloren und litten unter mehrfacher, extremer Gewalteinwirkung.
Ein Umschwung
Nach etwa eineinhalb Monaten gewöhnte ich mich an den hohen Spannungspegel und fand Wege, mich selbst gut zu erden und zu ressourcieren. So blieb ich immer gut bei mir, auf dem Teppich sozusagen. Vielleicht hat dies die Lösung hervorgebracht, mit der ich dann weiter ging.
Ich ging dazu über, die Jugendlichen mit Berührungsarbeit zu behandeln. Reiki war das erste, das ich in meiner Therapeutenkarriere gelernt habe. Es hat mich immer begleitet und ich habe immer die Augen offen gehalten, diese Reiki-Arbeit für Klienten, für die sie passte, so individuell und effektiv wie möglich zu gestalten.
Ich ergänzte im Laufe meiner Aus- und Weiterbildungen die klassischen Reiki-Handpositionen um vielerlei Werkzeug und Varianten, wie z.B die Berührungsarbeit aus Somatic Experiencing Traumalösung.
Diese Mischung nenne ich heute „Achtsame Berührungen nach Tief berührt“. Mit ihnen umging ich in Nicaragua die sprachliche Hürde, bot gleichzeitig eine Ressource an und das Ganze wirkte weniger „psychologisch“. Das funktionierte nur bei einigen wenigen und ich entschied mich, nur mit denen zu arbeiten.
Das war insofern gut, weil ich endlich das Gefühl hatte, nicht ständig an der Grenze von totaler Selbstüberforderung zu sein. So berührte ich zunächst einen Jugendlichen fast jeden Tag und bemerkte schnell immense Fortschritte. Die anderen sahen das und als ich sie frug, ob sie eine Behandlung wünschten, stimmten sie zu. Sie vertrauten mir mehr, wirkten insgesamt ruhiger und zufriedener und ihre Körper ließen von ganz allein Entladungsreaktionen wie tiefes Durchatmen und Zittern zu.
Die Gesamtstimmung im Zentrum schien heiterer und gelassener. Nach und nach ließen sich auch weitere Jugendliche auf meine Arbeit ein und wünschten sie sogar, so dass ich schließlich mit fünf oder sechs die Berührungsarbeit durchführen konnte!
Weitere Erfahrungen zu meinem spirituellen Reisbericht gebe ich Ihnen gerne in der nächsten Woche. Ich freue mich über jede Rückmeldung und jede Frage.
Herzlichst Ihr Oliver Unger
Unterstütze das Buchprojekt „Rohdiamanten“ mit einer Spende (für Lektorat etc.). Der Erlös aus dem Verkauf des fertigen Buches schafft eine regelmäßige Spendengrundlage für die Straßenkinder in der Stadt Granada, Nicaragua. Mehr Information findest Du auf tiefberuehrt.de/page/hilfe-fuer-nicaragua
Es danken Dir im Voraus Oliver Unger, Projekt-Förderer Bernd V., Lektorin Michélle P., Jonathán, Karla, Ana María, Francisco und Freunde aus Granada, Nicaragua