Sehnsucht und Wünsche.
Martinus -
Das Hunger- und Sättigungsprinzip.
Die treibenden Kräfte hinter jedem Lebenserleben sind Begehren, Wünsche und Sehnsüchte. Ohne Begehren hätte die Daseinsform, die heute die Menschheit prägt, niemals entstehen können, und es gäbe auch keine Zukunft für die Menschen, wenn ihr Bewusstsein nicht von Wünschen und Sehnsüchten erfüllt wäre. Dass jeder normale, natürliche Wunsch erfüllt wird, glauben die Menschen zwar nicht, weil sie die Gesetze des Lebens nicht kennen und nicht wissen, dass jeder Wunsch einen Kreislauf auslöst, dessen Anfang auf einer Sehnsucht nach diesem oder jenem beruht und der nicht aufhört zu existieren, bevor diese Sehnsucht nicht befriedigt wurde. Die Menschen kennen das allerdings durch ihr Verhältnis zur Nahrung: sie bekommen Hunger auf Nahrung und dieses Begehren wird befriedigt, indem sie etwas zu Essen bekommen.
Sie werden satt, ja zuweilen werden sie vielleicht so übersatt, dass sie geradezu einen Ekel vor dem empfinden, wonach sie sich früher so stark gesehnt haben. Hunger und Sättigung sind aber nicht nur etwas, das mit der physischen Nahrung zu tun hat. Alle Formen von Begehren, Wünschen und Sehnsüchten sind im Prinzip genau dasselbe. So wie der Hunger auf Nahrung nicht aufhören kann, bevor er nicht auf die eine oder andere Weise befriedigt wurde, genauso gilt dasselbe für alle anderen Formen von Begehren, Sehnsüchten und Wünschen innerhalb unseres Bewusstseinslebens.
Der Kreislauf der Wünsche.
Viele Menschen werden gegen einen solchen Gedankengang mit der Begründung protestieren, dass sie viele Wünsche und Sehnsüchte haben, die ihnen niemals erfüllt wurden. Sie sind enttäuscht und fühlen sich vielleicht sogar vom Leben betrogen, weil sie nun alt geworden sind, ohne dass diese Wünsche in Erfüllung gegangen sind. Dass Menschen alt werden können, ohne dass ihre Sehnsüchte und Wünsche in Erfüllung gehen, passt scheinbar nicht mit dem Gedanken zusammen, dass alle Wünsche und Sehnsüchte erfüllt werden sollen. Aber das scheint nur so zu sein.
Denn die Menschen sehen ihr Leben noch in einer kleinen lokalen Perspektive, die mit der Empfängnis und der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Sie glauben, dass ihr Leben wie eine gerade Linie verläuft mit einem Anfang und einem Ende. Aber diese „gerade Linie“ ist wie alle anderen geraden Linien nur eine Illusion. Die gerade Linie existiert in Wirklichkeit nicht. Eine Linie, ganz gleich welche, ist Ausdruck für Kraft oder Energie, und jede Energie im Universum verläuft in Kreisläufen.
Einen ganz kleinen Teil eines großen Kreises fassen wir als eine gerade Linie auf; denken Sie nur an die Horizont-Linie des Meeres, die von unserem physischen Auge als eine gerade Linie aufgefasst wird, obwohl unser Verstand uns sagt, dass sie ein Teil eines großen Kreisbogens ist. Auch unser Leben ist ein Teil eines Kreislaufs. Es gibt etwas vor der Empfängnis, und es gibt etwas nach dem Tod, und dieses „Etwas“ oder diese Lebensentfaltung vor und nach dem physischen Dasein basiert genauso wie das physische Dasein auf dem Hunger- und Sättigungsprinzip, auf den Begehren,
Wünschen und Sehnsüchten des Lebewesens. Alle diese Begehren, Wünsche und Sehnsüchte befinden sich in dem einen oder anderen Stadium des Kreislaufs von Hunger und Sättigung, und sie gehen weiter, oft durch mehrere Inkarnationen hindurch, bis sie das Ende ihrer Bahn erreicht haben. Die eingetretene Sättigung oder Befriedigung verursacht dann eine Sehnsucht nach etwas, das auf die eine oder andere Weise einen Kontrast zu dem darstellt, wovon man jetzt gesättigt ist, und ein neuer Kreislauf, eine neue Variation des Hunger- und Sättigungsprinzips, hat damit für das Lebewesen begonnen.
Unsere Wünsche und Sehnsüchte, selbst die, die normal und alltäglich sind, bewegen sich auf eine solche Weise in Kreisläufen hintereinander, dass man von Spiralkreisläufen sprechen kann. Der eine Kreislauf ist mit dem nächsten verbunden und wird praktisch zu dessen Ursache. Das ganze Dasein ist aus solchen Kreisläufen aufgebaut, angefangen bei den Sehnsüchten und Wünschen, die in ganz kurzer Zeit erfüllt werden, bis hin zu denen, die sich über Tausende, ja Millionen von Jahren erstrecken.
Herzlichst Martinus
Erstmals im deutschen Kosmos 5/1975 erschienen. Aus einem Vortrag vom 20.11.1941. Die Bearbeitung wurde von Mogens Møller vorgenommen und von Martinus gutgeheißen.
Zum ersten Mal im dänischen Kosmos Nr. 15, 1974 mit dem Titel: "Længsel" erschienen.
Übersetzung: Christa Rickus
© Martinus Institut 1981 www.martinus.dk